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JIM-Studie 2020

Published by hendrix on

Der Medienpädagische Forschungsverbund Südwest veröffentlicht seit 1998 repräsentative Untersuchungen zum Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen. Nach der JIMplus 2020 Corona-Zusatzuntersuchung im April legt der mpfs nun zum zweiten Mal im Jahr 2020 aktuelle Zahlen vor, die von Corona, Schulschließungen, Distanzlernen und Kontakteinschränkungen geprägt sind. Befragt wurden dafür in den Monaten Juni und Juli 1200 Jugendliche zwischen 12 und 19.

Die Jugendlichen leben in Haushalten mit einem breiten Spektrum digitaler Medien. In 98 % der Haushalte gibt es Smartphones und Computer oder Laptops, 99 % verfügen über einen WLAN-Anschluß.

Gerätebesitz Jugendlicher

94 % der Jugendlichen besitzen ein eigenes Smartphone, ein Anstieg von einem Prozentpunkt. Über einen eigenen PC oder ein Laptop verfügen 72 verfügen 72 % (+7 Prozentpunkte), ein Tablet haben 38 % (+13 Prozentpunkte. Der deutliche Anstieg in diesem Bereich geht vermutlich auf die Anforderungen des Homeschoolings zurück.

Lernen in Zeiten von Corona

Der Blick auf das Lernen zu Hause zeigt einige interessante Zahlen. 57 % der Schüler geben an, daß sie Materialien und Aufgaben per E-Mail erhalten, also mit einer Technik, die nach meiner jahrelangen Erfahrung als Informatiklehrer in der Vergangenheit für Jugendliche kaum noch eine Rolle gespielt hat.

Dicht dahinter folgt mit 55 % der Einsatz einer Schulcloud oder eigenen Online-Plattform. Seit der ersten Schulschließung im Frühjahr, als nur 22 % angegeben haben, daß solche Plattformen zum EInsatz kommen, haben die Schulen hier anscheinend erheblich nachgerüstet.

Als Probleme spielen technische Gründe und Anwendungskompetenzen nur eine untergeordnete Rolle, so geben nur 16 % eine schlechte Internetverbindung und 6 % fehlende IT-Ausstattung als hemmende Faktoren an. Dem gegenüber stehen aber 59 %, die Motivationsprobleme nennen. Das selbst organisierte Lernen gewinnt also erwartungsgemaß unter Corona-Bedingungen noch einmal an Bedeutung.

Entwicklung der Onlinezeiten

Nach einer Stagnation in den vergangenen Jahren ist die tägliche Onlinezeit 2020 um rund 26 % angestiegen von 3h25 im Jahr 2019 auf 4h18 in diesem Jahr. Die Mädchen sind dabei nach eigenen Angaben etwa zehn Minuten länger online als die Jungen.

Private Nebenbemerkung: Wer will es ihnen verdenken, ich prüfe wöchentlich meine Bildschirmzeit auf dem Smartphone und komme unter den aktuellen Bedingungen selbst auf eine Steigerung von über 30 %.

Es liegt nahe, die gestiegenen Zeiten auf Distanzlernen und Wechselunterricht zurückzuführen. Die Selbsteinschätzung, wie sich die Zeiten auf die Bereiche Kommunikation, Spiele, Informationssuche und Unterhaltung (Musik, Videos u.s.w.) verteilen, stützt diese Annahme jedoch nicht.

  • Kommunikation 27 % (-6 Punkte)
  • Spiele 28 % (+2 Punkte)
  • Informationssuche 11 % (+1 Punkt)
  • Unterhaltung 34 % (+4 Punkte)

Die beliebtesten Internetangebote und Apps

Bei der Frage nach dem beliebtesten Internetangebot können die Jugendlichen insgesamt drei Angebote nennen.

Auf Platz 1 wie im Vorjahr mit 57 % YiuTube (-6 Prozentpunkte). Gleichzeitig wurde YouTube in der Corona-Zusatzuntersuchung im Frühjahr mit 83 % als mit weitem Abstand wichtigstes mediales Lernangebot genannt.

Platz 2 nimmt mit 35 % unverändert Instagram ein, gefolgt von WhatsApp auf Platz 3 mit 31 % (-5 Prozentpunkte).

Besonders zu erwähnen ist TikTok, das mit einer Steigerung von 1 % auf 10 % den größten Sprung macht und nach meinen eigenen Beobachtungen in den von mir zuletzt besuchten Schulen weiter zügig auf dem Vormarsch ist.

Gefragt nach den wichtigsten Apps zeigt sich ein etwas anderes Bild. Hier liegt WhatsApp mit 82 % auf Platz 1, gefolgt von Instagram mit 46 % und YouTube mit 31 %. Bei der mobilen Nutzung spielt also anscheinden der Datenverbrauch der Apps eine größere Rolle.

Lieblingsspiele

Bei den Lieblingsspielen waren drei Nennungen möglich. Auf Platz 1 liegt Minecraft mit 15 %, es folgen Fortnite mit 13 % und FIFA mit 11 %, Platz 4 teilen sich Call of Duty und GTA mit je 9 %.

Befragt man nur die Mädchen, ergibt sich ein anderes Bild. Hier liegen Die Sims auf Platz 1

Hate Speech und Cybermobbing

Der Anteil der Betroffenen in diesem Bereich ist -nachdem er in den letzten Jahren relativ konstant war, 2020 leider deutlich angestiegen.

29 % geben an, daß „schonmal jemand falsche oder beleidigende Sachen über mich“ per Smartphone bzw. über das Internet verbreitet hat. Erschreckend.

Hier zeigt sich aber auch ein wichtiger Aspekt des Cybermobbings, der gerne übersehen wird: Der Umgang bei realen Treffen, bei denen man das Opfer und damit auch die Wirkung eigener Beleidigungen, verbaler Attacken u.s.w. sieht, ist eben doch ein ganz anderer als der in einem rein virtuellen Raum, bei dem man „bestenfalls“ zwei blaue Häkchen bei WhatsApp sieht.

38 % der Jugendlichen geben an bereits mitbekommen zu haben, wie jemand aus ihrem Umfeld absichtlich über digitale Medien fertiggemacht wurde. 11 % sind selbst zum Opfer geworden. Ein Anstieg von 3 Prozentpunkten oder gut 35 % im Vergleich zu 2019. Das sind allein unter den gut 3 Millionen 14-17jährigen über 300.000 Opfer von Cybermobbing!

53 % haben laut eigener Angaben im vergangenen Monat Haßbotschaften im Internet gesehen, 37 % sind beleidigenden Kommentaren begegnet.

Insgesamt erschreckende Zahlen, die mich aber leider nicht überraschen. Ich habe in den vergangenen drei Monaten zahlreiche Schülerworkshops von der dritten Klasse bis zur gymnasialen Oberstufe durchführen dürfen (www.digitaltraining.de) und nach meiner eigenen – nicht repräsentativen – Einschätzung haben die oben genannten Probleme seit Durchführung der Studie im Sommer noch weiter zugenommen.

Die ganze Studie könnt ihr hier kostenlos herunterladen: https://www.mpfs.de/startseite/


hendrix

Hendrik Odendahl war viele Jahre Informatik- und Vertrauenslehrer und interessiert sich seit über 30 Jahren für alles, was mit Computern und Digitalisierung zu tun hat.

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